Vom richtigen Mass beim Vermögensverzehr

20. Januar 2022

Ist das Pensionsalter erreicht, ist nicht mehr Sparen fürs Alter angesagt, sondern Verzehr des Angesparten. Damit man den Ruhestand aber möglichst sorgenfrei geniessen kann, gilt es einige finanziellen Regeln zu beachten. Welche das sind, haben wir bei Renato Lüthi, Leiter Finanzplanung bei der Raiffeisenbank Regio Frick-Mettauertal, nachgefragt.


Renato Lüthi, angenommen, meine Pensionierung steht in einigen Monaten an. Was gibt es für mich noch zu tun, damit ich finanziell möglichst unbeschwert in Rente gehen kann?

Das hängt stark davon ab, wie gut man für den dritten Lebensabschnitt vorbereitet ist. Einige Monate vor der Pensionierung ist schon sehr spät dafür, denn man beraubt sich so frühzeitigen Weichenstellungen. Aber auch kurzfristig lohnt es sich, sich finanziell auf die Pensionierung vorzubereiten. Herzstück ist dabei ein ehrliches, realistisches Budget. Dieses beinhaltet neben den Fixkosten auch beispielsweise eine geplante Küchenrenovation, eine grössere Reise oder Geldgeschenke für die Enkel. Rechtzeitig vor der Pensionierung weiss man ziemlich genau, wie viel Geld bei der Pensionierung zur Verfügung steht. Zusammen mit dem aufgestellten Budget kann man deshalb schnell feststellen, ob man eine Einkommenslücke haben wird und – falls ja – wie gross diese ist.


Wie kann man berechnen, wie viel man jeden Monat aufgrund des angesparten Kapitals zur Verfügung hat? Man weiss ja nicht, wie viele Jahre man tatsächlich noch vor sich hat.

Dafür gibt es eine einfache Faustregel: Wir rechnen mit zwanzig Jahren, weil das ungefähr der Lebenserwartung entspricht. Auf der Basis dieser zwanzig Jahren und dem vorhandenen Kapital berechnet man, wie viel Geld pro Jahr zur Verfügung steht. Wir stellen aber selten fest, dass die Menschen zu viel Geld im Rentenalter ausgeben. Vielmehr haben viele Leute Mühe, das Angesparte anzurühren. Das Geld nicht zu brauchen ist aber möglicherweise falsch, denn es wurde ja angespart, um im Ruhestand ein freieres und finanziell unabhängigeres Leben zu führen.


Welche Möglichkeiten hat man, wenn man merkt, dass das Geld knapp wird?

Ganz wichtig: Kühlen Kopf bewahren. In dieser Situation sollte man sich nicht von Ängsten leiten lassen, sondern sich einen rationalen Überblick über die Situation verschaffen. Es gibt einige wenige Möglichkeiten, mit denen die Liquidität auch nach der Pensionierung aufgebessert werden kann. Die wichtigste Massnahme ist die Überprüfung der grösseren Ausgaben. Sind diese wirklich und in dieser Höhe nötig?

Die Tragbarkeitsregel für Wohneigentum ist nach der Pensionierung grosszügiger. Wer also Wohneigentum besitzt, kann die Hypothek erhöhen, um mehr freies Kapital zur Verfügung zu haben. Eine solche Hypothekenerhöhung ist meistens substanziell. Kann die Liegenschaft verkauft werden? Reicht mein Erlös, um nachher gut über die Runden zu kommen? Welche Wohnalternativen habe ich? Diese Fragen gilt es frühzeitig zu prüfen, bevor das Geld knapp wird. Es gibt auch die Option von Ergänzungsleistungen. Dafür müssen aber die Grundlagen gegeben sein. Meiner Meinung nach muss man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man Unterstützung – sei es über eine Hypothekenerhöhung, aus Ergänzungsleisten oder aus der Familie – annimmt. Oberste Priorität hat die physische und psychische Gesundheit.


Gibt es Optionen nach der Pensionierung, mehr aus seinem Geld zu machen?

Vermögensverzehr hat auch etwas mit Vermögensanlage zu tun. Wer langfristig plant, und zwanzig Jahre ist eine lange Frist, legt an. Durch diese Anlage kann man den Kapitalmarkt nutzen, um das Angesparte zu strecken, sodass das Geld anstatt zwanzig Jahre vielleicht sogar dreissig Jahre lang reicht. Wichtig dabei ist, auf ein professionell verwaltetes Gefäss zu vertrauen und nicht zu spekulieren. Beim Anlegen hat man die Möglichkeit, das Geld in verschiedenen sogenannten «Töpfen» anzulegen und dabei bei jedem Topf die Anlagestrategie dem entsprechenden Zeithorizont anzupassen. Der erste Topf für die ersten zehn Jahre sollte möglichst liquide sein. Den nächsten Topf ab dem Alter von zirka 75 Jahren kann man etwas sportlicher anlegen, da der Anlagehorizont zehn Jahre beträgt. Und wer genügend Geld zur Verfügung hat, kann sogar einen generationsübergreifenden Topf anlegen. Wichtig ist, die persönliche Strategie und Zielsetzung festzulegen, was dieses Geld erreichen soll. Eine umfassende und kompetente Anlageberatung bei der Raiffeisenbank Regio Frick-Mettauertal wird dann auch die richtigen Lösungen aufzeigen.


Viele Pensionskassen stellen Versicherte vor die Wahl, ob sie das Pensionskassenkapital über Kapitalbezug, als Rente oder in einer Mischform beziehen. Was empfehlen Sie?

Gemäss unserer jährlichen Umfrage Vorsorgebarometer geht der Trend hin zu Kapitalbezug. Allgemeine Empfehlungen dazu gibt es aber nicht. Das wäre unseriös, da die Lebensumstände und Bedürfnisse sehr individuell sind. Die perfekte Wahl ist z.B. abhängig von der Lebenserwartung, die man ja nicht kennt. Sie ist aber auch sehr abhängig von der individuellen Ausgangslage, beispielsweise von der Höhe des Pensionskassenguthabens. Diesen Fakt kennt man sehr wohl und sollte ihn in die Entscheidung miteinbeziehen. Genau für solche Fragen und zur Beantwortung der längerfristigen Auswirkungen werden Finanzplanungen erstellt.


Ein wichtiges Thema bleiben die Steuern. Ist das bezogene Alterskapital steuerpflichtig?

Die Altersrente, egal ob aus der ersten oder zweiten Säule, ist steuerpflichtig. Viele Menschen unterschätzen die Steuerrechnung im Rentenalter. Man hat ein monatliches Einkommen, doch die Berufsauslagen fallen alle weg. Wie hoch der Steuersatz ausfällt, ist kantonal geregelt. Grundsätzlich verhält sich der Steuersatz aber progressiv, das heisst je höher der Betrag im gleichen Kalenderjahr desto höher der Steuersatz. Deshalb empfehlen wir, die Kapital-Bezüge auf verschiedene Kalenderjahre zu staffeln. So kann man beispielsweise den Bezug der zweiten und dritten Säule auf zwei Jahre verteilen. Wer verheiratet ist, kann Steuern sparen, indem die beiden Ehepartner den Bezug ihrer zweiten und dritten Säule sogar auf insgesamt vier Jahre staffeln. Die dritte Säule kann zudem bereits fünf Jahre vor der ordentlichen Pensionierung bezogen werden. So kann man über fünf Jahre ein Säule 3a Konto nach dem anderen auflösen.


Zum Schluss: Macht es Sinn, sein Kapital bereits zu Lebzeiten an Erben zu verschenken oder behält man es zur Sicherheit besser bei sich?

Jene, die finanziell sehr gut gebettet sind, sollten das Kapital aus meiner Sicht jenen Familienmitgliedern geben, die das zu diesem Zeitpunkt wirklich brauchen können, beispielsweise für langfristige Investitionen wie Ausbildungen oder den Erwerb von Wohneigentum. Das ist sogar aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll.

Finanzplanung – je früher desto besser
Je früher wichtige Entscheidungen zu Ihrer Pension getroffen werden, desto entspannter wird der dritte Lebensabschnitt – denn eine gute Planung ist die halbe Miete. In der Finanzplanung besprechen wir mit unseren Kundinnen und Kunden deshalb gezielt die Ausgangslage, Wünsche und Ziele für die Zukunft.

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